Mehr Leistung, weniger Beitrag: Der Wohlfahrtsfonds auf neuem Kurs
Jänner 20, 2026
Mehr Leistung, weniger Beitrag: Der Wohlfahrtsfonds auf neuem Kurs
Nach der Sanierung des Wohlfahrtsfonds wurden der Erweiterten Vollversammlung Reformvorschläge vorgelegt und beschlossen. Im Mittelpunkt stehen eine Beitragsreduktion sowie erstmals eine gleichzeitige Erhöhung der Pensionen. Im Interview geben Michael Lazansky, Ozren Marković und Stephan Ubl, das Vorsitzendenteam des Wohlfahrtsfonds, Einblick in die Hintergründe der Beschlüsse und die nächsten Schritte.
Von Nadina Nakicevic
Ärzt*in für Wien: Welche zentralen Beschlüsse hat die Erweiterte Vollversammlung für den Wohlfahrtsfonds getroffen? Insbesondere bezüglich der Pensionssteigerung und der Beitragssenkung?
Michael Lazansky: Der zentrale Schritt war die Frage, was der Fonds nach der Sanierung zurückgeben kann und welche Einnahmen nötig sind, um sichere Pensionen auszuzahlen. Der Beitragssatz wurde von 14 auf 12 Prozent der Bemessungsgrundlage gesenkt. Das ist ein mutiger und historisch einmaliger Schritt, da frühere Senkungen nur im Zehntelprozentbereich lagen. Durch die Reform wurde das System deutlich vereinfacht. Statt vieler komplexer Stufen gibt es nun drei: die Nullerstufe, die Sechserstufe und ab 30.000 Euro Einnahmen die Zwölferstufe. Wir sind eine Pensionsvorsorge und kein progressives Steuersystem, diese Klarheit war notwendig.
Stephan Ubl: Unser Ziel war einerseits die Vereinfachung des Systems und andererseits, dass Mitglieder von ihren Einzahlungen auch profitieren. Neben der Senkung von 14 auf 12 Prozent wurde auch die Acht- und Zehnerstufe abgeschafft. Gleichzeitig streben wir an, zumindest die Inflation auszugleichen, um eine angemessene Leistung zu gewährleisten.
Ozren Marković: Nach einem jahrelang notwendigen Sparkurs war es an der Zeit, den Mitgliedern zu zeigen, dass der Wohlfahrtsfonds auf stabilen Beinen steht. Eine Tatsache, die wir mit drei richtungsweisenden Beschlüssen unterstrichen haben: der Validierung aller Leistungen, der Erhöhung der Pension um mehr als die rollierende Inflation und schließlich der Anpassung der Beitragsstaffel. Der letztgenannte Beschluss ist dabei der erste Schritt in Richtung „Vereinfachung des Systems“, womit wir das Ziel verfolgen, neun Beitragssätze auf drei zu reduzieren.
Ärzt*in für Wien: Die Valida Consulting GesmbH betreut seit 2012 den Wiener Wohlfahrtsfonds im Bereich der Versicherungsmathematik und erstellt regelmäßig ein versicherungsmathematisches Gutachten. Dieses Gutachten analysiert die finanzielle Stabilität des Fonds, zukünftige demografische Entwicklungen, die Leistungsfähigkeit des Systems und die langfristigen Auswirkungen verschiedener Beitragssätze. Wie flossen die Ergebnisse des Valida-Gutachtens in die Entscheidungsfindung ein? Und was waren die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Gutachten?
Stephan Ubl: Im gesamten Verwaltungsausschuss und im Vorsitzendenteam werden Entscheidungen natürlich nicht spontan getroffen. Jede Maßnahme muss für die Mitglieder nachvollziehbar sowie juristisch und versicherungsmathematisch geprüft sein.
Michael Lazanksy: Genau, wir stimmen uns laufend mit ExpertInnen aus der Versicherungsmathematik und auch Vermögensveranlagung ab, prüfen realistische Renditen und bauen unsere Entscheidungen auf dieser Grundlage auf.
Ozren Marković: Wir hatten schon lange vor diesem Gutachten unser Ziel klar vor Augen, entsprechend hat uns das Valida-Ergebnis in unserem Tun bestärkt. Für mich persönlich brachte das Gutachten vor allem die Erkenntnis, dass der Wohlfahrtsfonds nunmehr vom „Erhaltungs-“ in den „Leistungsmodus“ wechseln muss.
Ärzt*in für Wien: Inwiefern sind die Ergebnisse der Mitgliederbefragung in die aktuellen Beschlüsse eingeflossen?
Michael Lazansky: Der Fonds hat ein deutliches Vertrauensminus. Hauptgrund war die fehlende Transparenz, der Fonds wurde sozusagen als Blackbox wahrgenommen, Valorisierungen blieben aus. Die Befragungsergebnisse bestätigen, dass das System als zu komplex empfunden wird und das Verhältnis zwischen Einzahlungen und Leistungen nicht stimmt.
Stephan Ubl: Die Umfrageergebnisse waren wenig überraschend. Jüngere Mitglieder interessieren sich weniger für den Wohlfahrtsfonds, während die Zufriedenheit mit zunehmendem Alter steigt. Unser Ziel ist es, das geerbte System verständlicher und transparenter zu machen.
Ozren Marković: Die Vorarbeiten für diese Beschlüsse begannen schon lange Zeit davor, umso erfreulicher ist es, dass die Ergebnisse unseren Reformwillen nicht nur bestätigen, sondern, wenn man so will, in gewisser Weise sogar einzementieren.
Ärzt*in für Wien: Wie wird trotz Beitragssenkung die langfristige Sicherheit und Stabilität des Wohlfahrtsfonds gewährleistet?
Michael Lazansky: Die Finanzierbarkeit ist gegeben, wenn wir demografische Veränderungen berücksichtigen und unser bestehendes Deckungskapital als Sicherheitspuffer nutzen. Laut Valida-Gutachten ist die Stabilität bis 2070 gegeben. Entwicklungen werden aber laufend beobachtet und bei Bedarf korrigiert.
Stephan Ubl: Dank eines großen Puffers und vorsichtiger Verwaltung konnten Leistungen ausgeweitet werden, etwa die Witwen- und Witwerversorgung sowie die Kinderunterstützung. Trotz der Beitragssenkung stehen weiterhin ausreichend Mittel für zukünftige Leistungen zur Verfügung.
Ozren Marković: In unseren Berechnungen berücksichtigen wir viele Parameter wie etwa die Anzahl und Gehaltssteigerung der (Zahn)Ärztinnen und (Zahn)Ärzte oder die Anlagegewinne. Dabei bleiben wir jedoch weiterhin sehr konservativ, damit ausreichend Spielraum für alle künftigen Reformen bleibt.
Ärzt*in für Wien: Welchen Einfluss hatte der Input der Zahnärzte und Zahnärztinnen im gesamten Prozess bis zur Erweiterten Vollversammlung?
Ozren Marković: Ich darf mit Stolz behaupten, dass die Zahnärztinnen und Zahnärzte die treibende Kraft vieler Reformen in der letzten Zeit sind. In den vergangenen Jahren konnte ich im Zuge meiner regelmäßigen Vorträge über den Wohlfahrtsfonds häufig Ideen aus der Zahnärzteschaft sammeln, sie in unsere To-do-Liste aufnehmen und Umsetzbares umsetzen. Oder anders ausgedrückt: Frei nach Galileo muss man versuchen, nicht rasch Umsetzbares umsetzbar zu machen.
Michael Lazansky: Ich bedanke mich ausdrücklich bei den KollegInnen für ihr großes Engagement. Erstmals wurde gemeinsam eine klare Vision verfolgt, was sich als sehr erfolgreich erwiesen hat.
Stephan Ubl: Als uns bewusst wurde, dass wir das Vorsitzendenteam werden, war von Beginn an klar, dass wir geschlossen auftreten. Die Reformen wurden von den ZahnärztInnen mitgetragen und unterstützt.
Ärzt*in für Wien: Inwiefern stärkt die Zusammenarbeit von ÄrztInnen und ZahnärztInnen die heutigen und zukünftigen Entscheidungen im Wohlfahrtsfonds?
Michael Lazansky: Gemeinsam sind wir stärker. Eine breitere Versicherungsbasis mit rund 15.00 Mitgliedern erhöht die Stabilität des Wohlfahrtsfonds.
Ozren Marković: Eine enge Zusammenarbeit von Human- und ZahnmedizinerInnen ist im Sinne der Gesamtinteressen das Gebot der Stunde. Nur das respektvolle Miteinander und das Hinhören auf allfällig vorhandene spezifische Bedürfnisse werden zum Vorteil aller führen. Ich habe das große Glück, dass ich in und mit einem Vorsitzendenteam arbeiten darf, wo eben diese Aspekte zusammenspielen und wir alle vom selben Verbesserungsdrang motiviert werden.
Stephan Ubl: Ich hoffe, dass die Zusammenarbeit langfristig anhält und der Fonds die nächsten Jahrzehnte weiterhin von Menschen bestimmt wird, die progressive Ideen haben und deren einziges Ziel es ist, dieses Pensions- und Leistungsprodukt zu einem attraktiven Produkt auszubauen.
Ärzt*in für Wien: Ist der Reformprozess mit der Beitragssenkung schon zum Abschluss gekommen oder was sind die weiteren Pläne?
Ozren Marković: Solange ich Teil des Vorsitzendenteams bin, wird es definitiv kein Ende der Reformen geben. Optimierungen etwa hinsichtlich der Must-haves wie des Online-Portals und der Online-Services sind bereits im Gange, daneben wird der Fokus im kommenden Jahr auf der Vereinfachung des Systems liegen. Anders ausgedrückt: Nachdem sowohl die Aufteilung der Konten als auch das Beitragssystem derzeit höchst komplex ist, wollen wir beides weitgehend vereinfachen. Wir sind zuversichtlich, bis Jahresende 2026 erste Milestones präsentieren zu können.
Michael Lazansky: Wir haben uns einen längeren Weg vorgenommen, die Beitragssenkung war der erste große Schritt. Weitere folgen, insbesondere die Digitalisierung. Mitglieder sollen künftig Einblick in ihre Konten haben, Anträge stellen und Zahlungen einfach erledigen können.
Entscheidend bleibt aber vor allem die Reduktion der Systemkomplexität.
Stephan Ubl: Die Digitalisierung soll maximale Transparenz schaffen, von der Pensionshöhe bis zu notwendigen Formularen bei Krankheit oder Berufsunfähigkeit. Gleichzeitig bleiben analoge Wege bestehen. Aber, um auf die Frage zurückzukommen, der Reformprozess ist jedenfalls noch nicht abgeschlossen.